Invasionen

Invasionen

Es ist nicht so, dass ich mich nun tiefgründig in Geschichtsbücher werfen möchte, wo erzählt wird, was am 6. Juni 1944 an den Stränden der Normandie alles gestrandet wurde. Bestimmt nicht diejenigen, welche um die Jahrhundertwende ihr Glück in Brasilien suchten, weil die hiesigen Zeitungen vieles Versprachen was die aufkeimenden Fabrikhallen hier nicht bieten konnten und schon gar nicht weil alle Kartoffeläcker am verfaulen waren. Da gelobe ich eigentlich unsere derzeit goldig gepflegten Weizen- und Kornfelder, die bekanntlich in meiner Gegend so zahlreich sind, wie die gegenwärtig wildwüchsig grassierenden Plakatwände der Aggloszene.

In der Nachbargemeinde verbrachte ich meine ersten vier Lebensjahre, vollbrachte erste Gehversuche in dieser Erziehungsanstalt namens Hofwil – soviel habe ich mit Pestalozzi gemeinsam, gewohnt habe ich übrigens während dieser relativ kurzen Zeit in einer der angrenzenden plattenbau ähnlichen Internatswohnungen aus den siebziger Jahren. Ich verliess diese aufrecht mit meinen Eltern und zügelte in eine nahe gelegene Wohnung, welche schon drei Stockwerke auf sich trug. Das Internatsgebäude und die dazugehörige Grünanlage, welche im Verhältnis zu den angrenzenden Prunkbauten eher bescheiden ausfällt, habe ich seither nicht mehr besucht und ich weiss bis heute nicht so recht, ob es sich mit Hofwil oder Hofwyl besser schreibt. Eines ist gewiss, die Stars von gestern Leben heute anders, als die von morgen.

Die Hofwilstrasse 136 liess den Architekten gestalterisch schon deutlich mehr Spielraum, so war das von aussen ersichtlich. Die Lehmann-Gross-Bahn in Spurbreite H0 kreiste in Endlosschlaufen im Wohnzimmer mit zwei Personenwagen in rot und blau um den Weihnachtsbaum. Derweil ich in meinem Kinderzimmer auf der sonnigen Seite des Fenstersims im silbrigen Blechkübelchen ein grünes Pflänzchen grosszog. Auslöser dieses Einkaufes und dieser Tätigkeit war übrigens die beigefügte und eingesteckte blaue Laterne in Puppenhausgrösse. Es ist das einzige Materielle aus dieser Zeit, was mir in Gedankengängen übrig geblieben ist.

Der Spielplatz auf dem Gemeinschaftsareal lag vom Fenster aus betrachtet in unerreichbarer Ferne, mit drei Lebensjahren dürften die Treppenstufen halt noch eine allzu grosse Hürde gewesen sein. Hilfreich war mir die Bekanntschaft von weiter oben, mein erstes «Gspändli» kam gelegentlich zu Besuch. Die Lehmann-Gross-Bahn fuhr nun über längere Distanz auf langen Geraden und erste Wild-West-Szenen wurden einstudiert. Verführerische Ruflaute hallten manchmal durch alle Gänge dieses Hauses, der erste Vokal seines Vornamens, den ich hier wie Schienen ziemlich lange aneinander Reihen könnte. Mein «Gspändli» holte am stillen Ende jeweils tief Luft und atmete aus, übrig blieb ein ruhiges verbindliches «Ja, Mama» und ich lernte wie man mit fürsorglichen Elternteilen verantwortungsvoll umzugehen hat. Er hat sich mittlerweile die Stufen zum Journalisten empor gearbeitet, seine Beiträge lese ich jeweils mit Interesse und Spannung. Meine fachgerecht aufbereiteten Inserate im gleichen Blatt sind etwas vergangen, derweil ich halt für den Lesestoff sorge, welcher haften bleibt.

Im vierten Lebensjahr stapfte ich mehrheitlich im Schlamm der eher ländlichen Gegend, gleich neben der Autobahnausfahrt im Quartier mit Tankstelle aber ohne Kirche im Dorf. Die Kuhweiden zerteilten sich in Parzellen und im Lehmboden wurde gegraben, es entstand ein Haus mit Doppelmauerwerk, welches jedem Krieg stand halten sollte. In den letzten dreissig Jahren wo ich dieses Haus nun bewohne, hat sich daran nichts verändert. Hinzugekommen ist praktisch termingerecht zur Fertigstellung unseres Einfamilienhauses meine erste Schwester. Sie hat das achtzehnte Lebensjahr erfolgreich bestanden, gegenwärtig ist sie von uns gegangen und in den föhnartigen Wolkengebilden des Thuner Oberlands verschwunden. Die Gemeinde hat unser Haus gut erschlossen, elektrischer Strom und Wasser floss stehts zuverlässig, eine Kupferdrahtleitung gewann in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung, die bei uns neben zwei Telefonen auch mit einem der wahrscheinlich ersten BTX Telegiro Terminal begann. Die Zahlen von Vaters Bankkonten flimmerten sprichwörtlich über den kleinen Röhrenschirm und Grossvater hinterliess vielleicht nicht zu unrecht ein paar Fragezeichen, all die Hunderter und Tausender, die aus den Kupferdrähten kamen und wieder verschwanden.

Heutige Computerarchitekturen sind gegenüber diesen geschlossenen Systemen deutlich komplexer, ein paar Stockwerke hoch, erstrecken sich über Gänge und unendlich viele Türen, kommunizieren über diverse Kanäle und man weiss heutzutage nicht mehr so genau, in welchen Schichten und Zimmern sich ein Programm eingenistet hat, welches unbemerkt seinen Weg nach draussen sucht und Informationen hin und herschiebt, egal über Kupfer-, Glasfaserleitungen verlegt im Boden oder Gigaherzfrequenzbänder in luftiger Höhe. Die untersten und mittleren Stockwerke gehören in der Regel den Herstellern, sie sollten eigentlich unantastbar und einbruchsicher sein. Bei der Architektur meines Hauses sind die Pläne der untersten Stockwerke frei verfügbar und dürfen seit mehr als 30 Jahren beliebig kopiert und bearbeitet werden, und gerade deswegen gehört mein Haus zu den sichersten. Eindeutig bleibt auf alle Fälle die Adresse eines jeden Hauses, die sechsmal zweistellige Zahl, eingeprägt in einem Käfer gefestigt auf dem Fundament einer grünen Platine. Gespeichert in einer unendlich zeilenlangen Datenbank des Herstellers oder bei der Händlerin des Vertrauens. Es soll auch noch andere geben, die klein angefangen haben, dort wo sich einst die Pakete vor dem Bauernhaus stapelten, welche auf diversen Umwegen ihren Zielort aus Irland fanden. 

Für die MBAs und Chiefs in all den Prime-, Twin-Towers oder anderweitigen Glashäusern, die sich in den obersten Etagen mit Verträgen und unendlich seitenlangen AGBs ständig retten müssen. Die Disclaimers meiner Schreibmaschine halten sich da verhältnismässig bescheiden und erinnern mich irgendwie an diese einstudierten Wild-West-Szenen, die wir bereits schon in meinem ersten Zimmer an der Hofwilstrasse durchgespielt haben. Da denke ich halt immer wieder gerne an die Allgemeinbildung meiner Lehrzeit. Verträge welche gegen geltende Gesetzesbestimmung verstossen sind schon zum vornherein nichtig. Und so gebe ich dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten den letzen Schlag und sage: Hasta la vista!

posted by chrigu  |  on 11. August 2014
in Personal Stuff   |  
go back

Name:
Email:
URL:

Remember this info for future comments

Comment:

Please enter the word you see in the image below:

Receive follow-up comments via email