Invasionen

Invasionen

Es gibt ein paar Dinge in meiner Umgebung, welche ich mittlerweile seit Jahrzehnten zu pflegen weiss. Nachbarschaftliche Beziehungen beschränken sich kaum bis zur nächsten Parzelle oder zur hoch gewachsener Hecke, erstrecken sich über Felder und Wiesen zum nächsten Wiler. Da brauchts keine Telefondrähte oder GSM-Netze, ein einigermassen flottes Zweirad genügt, um über Feldwege gefestigt mit kleinen Jurakalksteinen, durch manchmal gelblich sonnigere oder grünlich dunklere Wälder zur Haustür meines Kollegen zu pedalen und an die Türe zu klopfen.

Es gibt tatsächlich «Gspändlis», welche wahrscheinlich nicht ohne Grund ihren Wohnort seit jungen Jahren gerne pflegen und zu schätzen wissen. Im übrigen hat er einen schönen Gartensitzplatz mit Feuerstelle, der mich ab und zu in guter Erinnerung schwelgen lässt, damals als wir auf magneto-optischen Datenträgern im Kleinstformat, allerlei Ton- und Geräuschfragmente ausgetauscht haben, damals als die jungen Götter in der Stadt das Matte-Quartier noch mit Überschallpegeln beschallen durften und A Tribe Called Quest vor dem Kornhaus auf der Bühne stand. Das 750-jährige Jubiläum der Bundeshauptstadt und das Bestehen der 150-jährigen Bundesverfassung – war das glaube ich. Und ich weiss nicht so recht, ob ich die 700-jährige Bundesfeier überhaupt noch erwähnen sollte, in Zeiten wo doch Regierungen einem Streichelzoo ähneln, sich gerne von Lobbyisten privater Gesellschaften umgarnen lassen. Parlament und all das dazugehörige, kann man doch da auch gleich dem Erdboden platt machen. 

Gesellschaften und Personen aus dem Land der «Träumeverwirklicher», wo höchstens noch Monumente von vier Persönlichkeiten aus längst vergangener Zeiten aus Stein gemeisselt sind. Häuserfassaden, die als Kulisse taugen, deren Wert sich meist auf Sperrholzbretter reduzieren lässt oder geldpotente Gesellschaften, welche wie Pilze kaum nachhaltig aus dem Boden in die Höhe schiessen, die irgendwann mal nur noch für Umstände und kaum für Lösungen sorgen. Ich gestehe, ich war noch nie in diesem Land, doch die erste Erfahrung mit Disneyland machte ich früh, als die Invasion nach Europa bereits stattgefunden hatte.

Die Welt aus unbeschwerten Augen zu betrachten, ein Privileg, dass ich zu pflegen und schätzen weiss, etwas dass man sich nicht erkaufen kann, etwas dass ich auf vielen Spaziergängen und unzählige Kurven meist durch unwegsames Gelände erfahren habe. Klare Blicke und geschärfte Sinne in jedem Moment wo sich etwas bewegen kann.

Ein wenig mühsam gestaltete sich damals die Suche nach den zwei Platztreservationsschildern dieser Familie, dessen Nachname mir halt etwas Wert ist. Weit zerteilt lagen unsere beiden Sitzbänke, in diesem weissen Reisebus, der uns ab Basel in die neu errichteten Pärke der Heiterkeit und des Vergnügens nahe Paris bringen sollte. Von Heiterkeit und Vergnügen war allerdings nicht viel zu spüren, was einem Jungen Abenteuerer nicht gross missfällt, unvollkommene Menschenseelen verwandeln sich dann ganz einfach in abartige Lebewesen.

Ein treuer Hund, der lahmigeren Sorte hat durchaus auch seine Vorteile, gibt sich mit den hintersten und letzten Sitzreihen zufrieden, teilt notdürftig die Sitzbank mit allen Familienmitgliedern und weicht auf fremden Territorien nur höchst ungern von meiner Seite. Spürbar arroganter empfand ich eigentlich nur diese Kanarienvogel artigen kurzhaarigen Geschöpfe eine Sitzreihe vor mir, Tweety blickte bereits vor Abfahrt unglücklich in die Welt. Eine erhöhte Sitzposition auf den vorderen Radkästen verspricht halt lange noch nicht den Überblick.

Nein, im Vögel beobachten war ich gut. Die Sicht nach vorne blieb mir weitgehendste versperrt. So blieb der Blick auf den freien linken Sitzplatz neben mir, darauf ruhte das Meisterstück, eine Tasche handgewoben von meiner Mam, wie anno 1914. Darin verpackt die portable Spielkonsole von 1989 mit Tetris, der Langeweile-Verderber schlechthin. Der Bus-Chauffeur verkündete die neuste Errungenschaft dieses Europa-Busses, dieser Tempomat würde uns halbwegs automatisch ans Ziel bringen. Ja, das war noch vor Griechenland, Euro- und Währungskrisen.

Selbstverständlich lagen andere Spieletitel stehts griffbereit, die heutigen portablen Geräte stehen bezüglich Leistung und Architektur den grossen Geräten auf dem Schreibtisch vergangener Jahre in nichts nach. Der nächste Angriff zielt gegen die Nummer 1 der Schweizer Armee und seinen hirnlosen Metallbrüdern, deren Bildung dort stehen geblieben ist, als sie das letzte mal den Drehbank verlassen haben. Die Zahlenproblematik stellt hier noch das kleinste Problem dar und lässt sich einfach verdeutlichen: 150 + 150 + 633 + 272 + 276 + 969 + 741 + 567 + 1869 + 444 + 693 + 75 + 1302 = 8141. Das sind meine Wehrpflichtersatzzahlungen in Schweizer Franken, für dessen Gegenwert ich gerade mal ein «Dienstbüchlein» erhalten habe.

Die «CHameraden» sollen es meinetwegen wissen, ich musste an der militärärztlichen Voruntersuchung aus der Reihe treten, der Mann im weissen Kittel begutachtete meinen Rücken und fragte mich, ob ich damit gesundheitliche Probleme hätte. Ich war 18 Jahre jung und verneinte. Ich durchlief diesen Aushebungsprozess, wie es alle anderen Jungen in diesem Alter auch tun, in meinem Fall ohne besondere Interessen, ich tat meine Pflicht und man wertete meine körperlichen Leistungsfähigkeit als gut. Der ärztliche Entscheid endete mit einer Sehschärfe von 1.25/1.75 und einer Hörschärfe von 30db ab 500Hz. Ich nahm dieses «Dienstbüchlein» entgegen. Gebunden, gedruckt, gestempelt, und in schönsten Blumenfarben mannigfaltig signiert – schon fast ein Requisit aus längst vergangener Zeit. Meine Funktion lautete Na/Uem Sdt der Gattung Fliegertruppen, mein Interesse lag irgendwie anderweitig und das mit dem «Kochen» habe ich mittlerweile auch gelernt.

Meine schulische Ausbildung liess meinen Dienstantritt verschieben, so blieb in Pausen Zeit mich von einem erfahrenen Rekruten über dieses «aus der Reihe treten» bei der militärärztlichen Voruntersuchung aufzuklären. Allfällige Rückenbeschwerden aufgrund einer Ursache, die einen Namen hat und dessen Folgen nicht unbedingt wünschenswert sind und allfällige Behandlungen welche von der Militärunfallversicherung nicht gedeckt werden, waren der Grund mich beim Hausarzt untersuchen zu lassen. Fachgerecht schrieb er seinen Bericht, der zuständige Major hinterliess bei der Nachaushebung die rosa Unterschrift. Untauglich in allen Ebenen und ich war dessen alles andere als unglücklich. Der Scheuermann und die Militärversicherung blieben verschont. Einer Armee muss man nicht beitreten, die zu Friedenszeiten Opfer bringt.

Ich könnte höchstens unverblümt über diesen Nachmittag berichten, es müsste einer dieser schulfreien Mittwochnachmittage gewesen sein, als so ein Dartpfeil artiges Geschoss sich von Westen her unserer Parzelle näherte und die fokussierten Baumkronen im Nachbarwald auch nur knapp verfehlte, «Mi-rage» war ja nur der Anfang und vielleicht hätte ich es mir schon damals gewünscht, dass es nicht nur bei ein paar winkenden Baumblättern geblieben wäre und es ihn wie anno 1974 in Payerne wiedermal gedreht hätte, so ein Feuerball ein paar Kilometer weiter hinten, hätte mir ein volles Auftragsbuch beschert. Und ich hätte meine Nachrichten unverschlüsselt weitergeleitet und im Gegensatz zu allen anderen jedes einzelne Leichenteil gezählt.

Das war noch weit vor meinen Wehrpflichtersatzzahlungen und ich gebe gerne zu Protokoll, unsere Einbauküche hat die Ausmusterung noch nicht erlebt, so bleibt uns immerhin dieses seit 1984 stetig tropfende Geschirrspülbecken, auch so eine Fehlkonstruktion.

posted by chrigu  |  on 26. August 2014
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